Raagenmark

Das Land, von seinen Bewohnern manchmal auch schlicht Freimark genannt, von Nachbarländern hingegen zumeist unter dem historischen Namen Dorner Marken geführt, liegt im nördlichen Nalabnor, eingebettet in einen dichten, uralten Forst. Das Herz des Landes ist Wielund, eine kleine Stadt mit Monumenten von tiefer spiritueller Bedeutung, die auf druidische Überlieferungen zurückgehen, die älter sind als die Magierkriege selbst.
Auf dem Papier ist das Land reich. Hochwertiges Bauholz, ausgedehnte Torfgebiete, gesunde Wildbestände, diverse Steinvorkommen und zumindest ein weitreichendes Vorkommen Kupfererz. Reichtümer, die in der Nachbarschaft viele neidische Blicke einbringen. Die Einheimischen, die Raagen, entnehmen dem Land hingegen nur, was sie brauchen und leben aus Überzeugung in relativer Armut. Entsprechend ist der größte Teil des Landes unbewirtschaftet.
Die meisten Raagen führen ein sehr einfaches Leben, das sich eng an den Rhythmen des Waldes orientiert, in kleinen Gemeinschaften, die sich selten weiter als nötig aus ihrer Ecke des Waldes herauswagen.
Nach den Ereignissen des falschen Frühlings hat sich die Lage der Raagenmark grundlegend verändert. Der Pollenfluch, der das Land über Jahrzehnte schützte und zuletzt gefährlich instabil geworden war, wurde durch die Buchenwacht wieder verstärkt. Er ist zu seiner alten Macht zurückgekehrt und bildet erneut eine tödliche Grenze gegen ungeschützte Eindringlinge.
Gleichzeitig ist die Raagenmark dadurch nicht wieder so abgeschlossen wie früher. Der Zirkel verfügt inzwischen über ein Mittel, mit dem der Fluch aufgehoben oder zumindest gezielt geschwächt werden kann. Außerdem existiert ein Schutzmittel, das Reisenden den Aufenthalt in der Raagenmark ermöglichen und Betroffene gegebenenfalls vom Einfluss des Pollenfluchs heilen kann.
Damit steht das Land in einem widersprüchlichen Zustand: Seine Grenzen sind wieder stärker, aber der Zirkel kann erstmals deutlich offener mit der Außenwelt in Kontakt treten. Die Raagenmark ist geschützter als zuvor, aber nicht mehr vollständig abgeschottet.
Diese neue Lage hat jedoch auch Begehrlichkeiten geweckt. Graf Konrad von Gallen hat durch Luise Korn, die selbst in der Raagenmark zugegen war und aktiv half, Informationen für ihn zu beschaffen, Zugriff auf Wissen über das Schutzmittel erhalten. Konrad von Gallen hat seinen Blick nun fest auf die Raagenmark gerichtet und möchte das Land wieder in seinen Einflussbereich eingliedern.
Ein offener Krieg um die Zukunft der Raagenmark steht damit bevor.
Die Unabhängigkeit des Landes ist stark umstritten. Kaum ein anderes Reich erkennt die Raagenmark tatsächlich an, was auch an ihrer Weigerung liegt, Diplomatie mit anderen Ländern zu betreiben. Darüber hinaus beäugen mehrere Nachbarländer die reichen, weitgehend unerschlossenen Ländereien mit wachsendem Interesse.
Dieses Interesse wurde über Jahrzehnte vor allem durch den bestehenden Pollenfluch eingedämmt. Der Fluch entstand wenige Jahre vor der Begründung der Nation und ist ein mysteriöser Effekt, der Einwohner nahezu vollkommen verschont, Eindringlinge hingegen langsam verseucht und schließlich tötet.
Nachdem der Fluch über lange Zeit schwächer und unberechenbarer geworden war, wurde er durch die Buchenwacht wieder auf seine alte Stärke zurückgeführt. Für Reisende und Nachbarn ist die Raagenmark damit erneut ein gefährliches, kaum zugängliches Land. Eingeweihte des Zirkels verfügen jedoch über Mittel, den Schutz temporär auf Gäste auszudehnen oder den Fluch gezielt zu schwächen. Dieses Wissen ist eines der begehrtesten Geheimnisse des nördlichen Nalabnor.
Die Raagen sind ein sehr in sich gewandtes Volk mit tiefen Wurzeln in mündlicher Überlieferung und Naturverehrung. Als Grenzvolk entstanden, lebten sie Jahrhunderte lang am Rand der nalabnitischen Gesellschaften als Bauern, Waldläufer, Förster und dergleichen in einem konstanten Zustand der Ausgrenzung, bevor sie sich geschlossen in den Dorner Forst zurückzogen und dort schlussendlich zu einer eigenen Nation formten.
Diese Geschichte sitzt tief: Misstrauen gegenüber Fremden ist ein fester Bestandteil des raagener Weltbilds.
Die jüngsten Ereignisse haben dieses Misstrauen nicht gemindert. Zwar ist die Raagenmark durch das Schutzmittel nicht mehr vollständig von der Außenwelt abgeschnitten, doch viele Raagen sehen gerade darin eine neue Gefahr. Wenn Fremde das Land betreten können, ohne dem Pollenfluch zu erliegen, verliert der alte Schutz einen Teil seiner Unantastbarkeit.
Während einige im Land darin eine Chance sehen, Handel, Wissen und Verbündete zu gewinnen, betrachten andere die Öffnung als Verrat an allem, was die Raagenmark über Jahrzehnte bewahrt hat.
Die Verehrung der Natur als Ganzes, nicht einer einzelnen Gottheit, sondern der vitalen Natur selbst, ist der Grundsatz des Zirkels und damit der Raagenmark als Ganzes. Namenlose Naturgeister und die Weisheit der Ahnen werden in mündlichen Überlieferungen bewahrt und zu Jahreszeittreffen erneuert.
Daneben hat die Verehrung von Haroket, als Fluss- und Regengott aus dem Glauben der Blentaris, überraschend Fuß gefasst. Er wird akzeptiert, wenn auch mit einem gewissen Unbehagen der älteren Generationen.
Magie nimmt im Land einen wichtigen Posten ein. Die Fähigkeit, mit magischen Mitteln mit der Natur zu interagieren, wird sehr hoch angesehen. Es besteht im Zirkel die Erwartung, diese Kräfte breitflächig zum Wohl des Landes einzusetzen.
Der Pollenfluch selbst ist für viele Raagen nicht nur eine magische Erscheinung, sondern Teil der Identität des Landes. Für manche ist er Schutz und Vermächtnis, für andere eine Last, die das Land von der Welt trennt. Seit seiner erneuten Erstarkung ist diese Frage noch drängender geworden: Ist der Fluch ein Schild, ein Gefängnis oder beides zugleich?
Die Raagenmark wird vom Ältestenrat geführt, einem Gremium aus den erfahrensten Weisen des Zirkels sowie einigen wenigen Vertretern der bedeutenderen Gemeinschaften des Landes. An der Spitze steht der Protektor, ein Amt, das weniger dem Befehlshaben als dem Hüten gilt, im Rat das letzte Wort und die entscheidende Stimme führt, sowie das funktionelle Oberhaupt des Zirkels ist.
Der Zirkel selbst ist keine Regierung im herkömmlichen Sinne. Er ist zugleich spirituelle Gemeinschaft, gelehrte Institution und politische Führung. Eine Verschmelzung, die in der Raagenmark vollkommen normal erscheint, außerhalb ihrer Grenzen jedoch regelmäßig für Stirnrunzeln sorgt.
Die Raagenmark kennt keinen Adel im Inneren und erkennt auch keinen Adel von anderswo an. Ansehen erwirbt sich durch Wissen, durch Dienst an der Gemeinschaft und durch die Tiefe der Verbindung zur vitalen Natur. Das macht die Gesellschaft nicht egalitär, aber die Hierarchien verlaufen entlang anderer Linien als in den umliegenden Ländern.
Nach den jüngsten Ereignissen ist die politische Lage des Landes angespannt. Der Zirkel verfügt über Wissen und Mittel, mit denen der Pollenfluch kontrolliert, geschwächt oder für Reisende erträglich gemacht werden kann. Damit besitzt er einen Schlüssel, der die Zukunft der Raagenmark entscheidend prägen wird.
Zugleich ist dieses Wissen nicht mehr ausschließlich in den Händen des Zirkels. Graf Konrad von Gallen hat durch Luise Korn Informationen über das Schutzmittel erhalten. Damit ist aus einem inneren Konflikt der Raagenmark eine außenpolitische Krise geworden.
Die Buchenwacht ist die militärische Kraft der Raagenmark. Sie ist Grenzpatrouille, Gesetzeshüter und, wenn nötig, Armee in einem. In einer Nation, die sich ein Jahrhundert lang auf einen magischen Schleier als erste Verteidigungslinie verlassen konnte, war ein stehendes Heer nie dringend nötig. Die Buchenwacht ist daher eher ein Korps erfahrener Waldläufer und Grenzhüter als eine Truppe im klassischen Sinne.
Das Verhältnis zwischen Buchenwacht und Zirkel ist traditionell das von Schild und Verstand: die einen schützen, was die anderen aufbauen und bewahren. In der Praxis hat sich dieses Verhältnis zuletzt massiv zugespitzt.
Die Buchenwacht sah sich mit einer Bedrohung konfrontiert, auf die der Zirkel aus ihrer Sicht zu langsam reagierte: Der Fluch schwächelte, fremde Eindringlinge kamen weiter ins Land als je zuvor, und die Zahl jener, die an den Grenzen kämpften, reichte kaum aus, um aufzufangen, was der magische Schleier nicht mehr leistete.
Mit der erneuten Verstärkung des Pollenfluchs hat die Buchenwacht ihr Ziel teilweise erreicht. Die Grenzen der Raagenmark sind wieder gefährlich und stark. Ob dies das Land rettet oder es in einen größeren Krieg führt, ist jedoch offen.
Denn während die Buchenwacht den Schutz des Landes wiederhergestellt sieht, steht mit Graf Konrad von Gallen nun ein äußerer Gegner bereit, der nicht nur Interesse an der Raagenmark hat, sondern auch über Wissen verfügt, das den alten Schutz des Landes unterlaufen könnte.
Die Raagenmark ist relativ jung, auch wenn die ersten Bausteine schon Jahrhunderte zuvor begannen sich zu fügen. In einer Zeit schwerer Hungersnöte, blutiger Konflikte und verheerender Seuchen begannen die schon damals naturverbundenen Raagen, sich in dem zu jener Zeit unwirtlichen Landstrich des Dorner Forsts niederzulassen.
Als die Grafschaft Kalln lange Zeit später versuchte, den nun deutlich attraktiveren Dorner Forst zu bewirtschaften, entstand ein Konflikt zwischen der Grafschaft auf der einen und den Raagen sowie dem Zirkel, der in Wielund seine heilige Stätte unterhält, auf der anderen Seite. Der Konflikt wurde schnell blutig und endete schlagartig, als 1058 NdMk ein unbekannter Druide den Landstrich mit einem bis heute unidentifizierten Zauber verfluchte und dabei die Unterdrücker tötete oder vertrieb.
Neun Jahre später einigten sich die Raagen unter der Führung des Zirkels darauf, ihre Nation offiziell zu begründen, und so wurde 1067 NdMk die Freimark Raagenmark ausgerufen.
Über viele Jahrzehnte hielt der Pollenfluch das Land nahezu unzugänglich. Erst als er schwächer und unberechenbarer wurde, öffnete sich die Raagenmark notgedrungen stärker nach außen. Diese Öffnung führte zum Konflikt zwischen Zirkel und Buchenwacht, der im falschen Frühling offen ausbrach.
Am Ende dieser Ereignisse wurde der Fluch wieder gestärkt. Doch damit ist die Geschichte nicht befriedet. Der Zirkel besitzt nun Mittel, um den Fluch zu kontrollieren und Reisende zu schützen, während Graf Konrad von Gallen dieses Wissen ebenfalls erlangt hat. Was einst als Schutz gegen fremde Ansprüche entstand, könnte nun der Grund für den nächsten Krieg um die Raagenmark werden.
